7. Februar 2012 | Service | 5 Kommentare

Das Experiment “Stecker ziehen”: Ein Tag ohne Strom.

Bei meinem Kollegen Frank waren es die Stadtwerke, die ihm den Saft abdrehten. Ich hab einfach mal selber für einen Tag den Stecker gezogen – und zwar ohne jede Ausnahme: Ein ganzer Tag ohne Strom. Geht das überhaupt?

Total motiviert startete ich also in ein dunkles Experiment, das mich an einigen Stellen ziemlich herausforderte. Kurzes Fazit von mir vorab: spannend, wie wichtig die Spannung im Leben ist.

7.00 Uhr: Ein analoger Wecker aus Urzeiten, den ich einen Tag zuvor aus Kellerkisten gekramt habe, reißt mich unsanft aus dem Schlaf. Nix mit Wellenrauschen zum Wachwerden, wie ich es von meinem Stamm-Wecker kenne! Heute wird wachgerüttelt. Also quäle ich mich etwas mürrisch aus dem Bett und schleppe mich ins Bad…

7.05 Uhr: Die elektrische Zahnbürste ignoriere ich diesmal und greife stattdessen zur guten alten Handzahnbürste. Hmm, ich hatte ganz vergessen, wie mühselig das manuelle Zähneschrubben ist. Aber der Gedanke an die anstehende kalte Dusche lässt alles andere völlig verblassen…

7.15 Uhr: Brrrrr. Kalt duschen!

7.45 Uhr: Mit nassen Haaren sitze ich am Frühstückstisch und vermisse meinen lebensnotwendigen Kaffee. Alternative: kalter Kakao. Erinnert mich irgendwie an Kindertage. Sonst lasse ich mich dabei ja zum Wachwerden vom „Frühstücksfernsehen“ berieseln. Heute geht das nicht. Kein Strom – kein TV.

8.10 Uhr: Weil die Haare noch nicht ganz luftgetrocknet sind und der Winter weiterhin draußen alles erfriert, zieh ich mir schnell einen Kapuzenpulli drüber und mach mich auf zur Arbeit – mit dem Fahrrad, klar!

Kein Internet, kein Powerpoint.

9.00 Uhr: Endlich angekommen im Büro heißt es wieder „alte Gewohnheiten ablegen“. Ich tausche also Computer gegen Block und Stift. Dabei macht sich in mir Misstrauen breit, ob der Tag so funktionieren kann: Meine E-Mails bleiben ungelesen und unbeantwortet. Jede Absprache muss persönlich erfolgen, denn knallhart hab ich auch das Telefon aus meinem heutigen Tag gestrichen. Ein Kollege klärt mich auf, dass jetzt erst mal ein Meeting ansteht. Mir fällt sofort ein: “Oh, ich sollte eine Präsentation halten!” Format: Powerpoint. Ok, Plan B muss her…

9.30 Uhr: Die Kollegen kommen mit Notebook unterm Arm und Kaffeetasse in der Hand zur Besprechung. Ich sitze schon mit stillem Wasser und Grundschul-Utensilien am Tisch. Kein Beamer, sondern ein Flipchart steht für meine Präsentation bereit. Selbst Handouts fallen heute aus, da drucken ja auch flachfällt. Das Thema: Social Media – heute mal ganz unvernetzt.

11.03 Uhr: Mit ganz viel Improvisationsgeschick hab ich die Präsentation einigermaßen gut hinter mich gebracht. Die Kollegen haben das Thema verstanden, denke ich doch. Wieder zurück an meinem Schreibtisch fällt mir ein, dass ich ein wichtiges Projekt mit einer Kollegin besprechen muss. Den kurzen Impuls zum Hörer zu greifen, unterdrücke ich sofort. Stattdessen laufe ich los. Dabei merke ich schnell: Die Flure bei Yello sind laaaang! Aber, wie sagt Mutti immer: “Jeder Gang macht schlank”.

12.30 Uhr: Apropos schlank – Mittagspause!

Auch das Mittagessen bleibt kalt.

12.35 Uhr: Spaghetti Bolognese ist heute leider raus, ich muss zum Salatbuffet. Hier hat die Herausforderung definitiv ihren Höhepunkt erreicht, denn beim Essen kenne ich keinen Spaß.

14.30 Uhr: Nach einem Brainstorming unplugged hab ich mir definitiv eine Belohnung verdient und gönn mir erst mal ein leckeres Nutella-Brot.

16.12 Uhr: So, kurz die sozialen Netze durchstöbern. Ach nee – kein Internet!

18.00 Uhr: Puh, das Gelbe vom Tag hab ich stromlos geschafft. Jacke an, nichts herunterfahren und ab nach Hause. Auf dem Weg nach draußen ertappe ich mich plötzlich dabei, den Aufzug anzusteuern. Gerade noch die Kurve gekriegt, die Treppe genommen und mich aufs Radel geschwungen.

18.07 Uhr: Brrrrr. Es ist kalt in Deutschland.

19.30 Uhr: Eine dunkle und kalte Wohnung erwartet mich. Ich kämpfe mich durch bis ins Wohnzimmer und suche verzweifelt Teelichter und Feuerzeug. Geschafft! Mit Wolldecke und guter Frauenlektüre geht’s jetzt nach dem erfolgreichen Experiment ab aufs Sofa…

Mein Resümee: Ein Tag reicht mir völlig. Auch wenn man im Alltag öfter mal den Stecker ziehen will, so zeigte mir das Experiment doch deutlich, dass das gar nicht so einfach ist. Der Strom umgibt uns überall, und sind wir ehrlich: Was wäre das Leben ohne Spannung?

  1. Chris sagt:

    Ich stell mir einen Tag gar nicht so schlimm vor.. aber wenn man das mal ne Woche macht, das wäre natürlich noch krasser.. aber schöner Artikel!!

  2. Tanja sagt:

    Was für ein spannendes Experiment. Beim Lesen wurde mir richtig mulmig, weil ich früh morgens tatsächlich auch schon die elektritsche Zahnbürste zücke und dazu Radio höre…ein paar Stromfresser könnte man also schon streichen ;-)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Reaktionen

  1. [...] Schließlich hat jeder von uns, täglich mit Strom zu tun. Oder wie haben Sie heute morgen Ihren Kaffee bekommen? Und überhaupt: Wie war das mit dem Wecken? Elektrowecker? Smartphone vielleicht sogar? [...]

  2. [...] Einspeisung ins Netz und Preisbildung be-greifbarer. Nur wenn er fehlt, wird erkenntlich, wie wenig ohne ihn läuft. Kein warmer Kaffee mehr am frühen Morgen, kalt duschen, Haare von Luft trocknen lassen [...]